Rene Schon: Ernst und Falk 2014

ERNST UND FALK 2014
Gespräche für Freimaurer

von
René Schon und Thorsten Dörfler
Loge Zur Wahrheit i.O. Nürnberg 528A

frei nach
Gotthold Ephraim Lessing

4. aktualisierte Version vom 08.04.2014
Ergänzung um das neue Gespräch 6

Hier zum Download komplett als PDF-Datei


Einleitende Worte

Auch noch heutzutage ist das Gespräch zwischen dem Freimaurer Falk und seinem interessierten Freund Ernst eines der wichtigsten Zeugnisse der frühen Jahre der Freimaurerei in Deutschland. Natürlich ist dieser Text oft schwer zu verstehen und daher hielten wir es für mehr als nötig, den Text in unsere Zeit zu portieren, ohne dabei den Sinn und Inhalt zu verändern.
Lessing selbst hatte die Gespräche 1 bis 3 anonym im Jahr 1778 veröffentlicht. Das erklärt auch die gute Form der Gespräche sowie den inhaltlichen Zusammenhang. Die weiteren Gespräche 4 und 5 wurden 1780 ohne weitere Erkenntnis von Lessing selbst veröffentlicht. Daher handelt es sich im Originalen eher um Textfragmente und Ideen für die Gespräche, jedoch noch unvollendet. Auch wenn diese Teile etwas aus dem Zusammenhang herausgerissen wirken, wollte ich sie der Vollständigkeit halber ebenso mit übersetzen und veröffentlichen. Ich sehe dieses Dokument als ein lebendiges Dokument an, an dem ich arbeite und werde es auch nach wie vor verbessern.
Das Gespräch Nr. 6 ist völlig neu von mir persönlich erstellt und soll nun diese Gespräche abschließen und etwas runter erscheinen lassen.
Viel Spaß beim Lesen.
Euer René


Erstes Gespräch

Ernst: Hey Falk, was sitzt du hier so rum…..woran denkst du?

Falk: An nichts.

Ernst: Aber du bist so still.

Falk: Na eben. Ich genieße einfach, also warum sollte ich an etwas denken? Und ich genieße den tollen neuen Morgen.

Ernst: Du hast Recht. Du kannst mich ja auch fragen was ich hier so mache.

Falk: Wenn ich an etwas gedacht hätte, dann würde ich mit dir darüber sprechen. Nichts ist schöner als mit einem Freund zu reden und nachzudenken.

Ernst: Stimmt.

Falk: Wenn du für deinen Teil damit fertig bist den Tag zu genießen und reden möchtest, dann schieß los. Mir fällt im Moment nichts ein.

Ernst: Gern! – ich wollte dich eh schon lange etwas fragen.

Falk: Leg los.

Ernst: Ist es wahr, dass du ein Freimaurer bist?

Falk: Wer keiner ist, kann die Frage nicht beantworten….

Ernst: Aber klar doch! – Antworte mir doch einfach. – Bist du ein Freimaurer?

Falk: Ich glaube es zu sein.

Ernst: Das klingt so, als ob du dir da nicht sicher bist.

Falk: O doch! Ich bin meiner Sache so ziemlich sicher.

Ernst: Klar, denn du wirst ja wohl wissen, ob und vor allem wann und wo und von wem du aufgenommen wurdest.

Falk: Klar weiß ich das, aber das würde niemand zugeben und dir sagen.

Ernst: Nicht?

Falk: Wer nimmt nicht irgendetwas auf und wer wird nicht irgendwann mal aufgenommen!

Ernst: Erkläre mir das bitte.

Falk: Ich glaube ein Freimaurer zu sein. Nicht aus dem Grund, weil ich von älteren Maurern in einer gesetzlichen Loge aufgenommen wurde, sondern weil ich einsehe und verstanden habe, was die Freimaurerei ist. Wann und wo sie war, wie und wodurch sie gefördert oder sogar behindert wurde.

Ernst: Schon wieder drückst du dich so komisch aus? – „Ich glaube einer zu sein!“

Falk: Diesen Ausdruck bin ich nun mal so gewöhnt. Und zwar nicht aus Mangel an eigener Überzeugung, sondern weil ich mich nicht gern jemanden gerade in den Weg stellen mag.

Ernst: Du antwortest als wäre ich ein Fremder.

Falk: Fremder oder Freund!

Ernst: Du bist aufgenommen, du musst alles wissen.

Falk: Andere sind auch aufgenommen und glauben alles zu wissen.

Ernst: Kannst du denn aufgenommen sein, ohne zu wissen, was du nun alles weißt?

Falk: Leider!

Ernst: Wieso?

Falk: Ganz einfach: Nicht alle die aufgenommen sind Erreichen dieses Wissen. Diejenigen die es erreicht haben können es nicht in Worten beschreiben.

Ernst: Und konntest du denn das wissen, was du nun weißt, ohne aufgenommen zu sein?

Falk: Warum nicht? – Die Freimaurerei ist nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges, das in dem Wesen des Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft gegründet ist. Folglich muss man auch durch sein eignes Nachdenken darauf kommen, als wenn man durch Anleitung darauf geführt wird.

Ernst: Die Freimaurerei ist also nichts Willkürliches? – Hat sie nicht Worte und Zeichen und Gebräuche, welche alle anders und folglich willkürlich sind?

Falk: Das hat sie. Aber diese Worte und diese Zeichen und Gebräuche sind nicht die Freimaurerei.

Ernst: Die Freimaurerei ist nichts Entbehrliches? – Was machten denn die Menschen, als es die Freimaurerei noch nicht gab?

Falk: Die Freimaurerei war immer da. Es gibt sie solange Menschen denken können.

Ernst: Nun, was ist sie denn, diese notwendige, diese unentbehrliche Freimaurerei?

Falk: Wie ich dir schon gesagt hatte: Etwas das selbst die, die es wissen, nicht wirklich beschreiben können.

Ernst: Also gibt es gar kein Geheimnis der Freimaurerei?

Falk: Nun, beurteile das nicht zu schnell.

Ernst: Was ich weiß und begreife kann ich auch in Worten ausdrücken.

Falk: Manchmal eben nicht. Wie kann ich dir in Worten das Gefühl vermitteln, welches ich habe, wenn ich barfuß am Morgen über eine Bergwiese laufe? Ich kann dir eine Vorstellung davon geben. Ganz verstehen wirst du mich nicht.

Ernst: Versuch es doch mal, wenn auch nicht mit exakt den Worten, aber wenigstens so, dass ich es verstehe.

Falk: Dir die Freimaurerei zu beschreiben wäre sinnlos und gefährlich. Sinnlos, da ich es dir eben nicht allumfänglich vermitteln kann, gefährlich, da du dir dadurch ein falsches Bild und damit ein Vorurteil bildest.

Ernst: Komisch! Also wenn selbst die Freimaurer, welche das Geheimnis ihres Ordens kennen, es nicht wörtlich mitteilen können, wie vergrößern sie denn dann ihren Orden?

Falk: Durch Taten. Die Freimaurer lassen gute Männer, mit denen sie näheren Umgang haben, ihre Taten vermuten und sehen, soweit sie zu sehen sind. Diese Männer finden evtl. Geschmack daran und tun ähnliche Taten.

Ernst: Taten? Die Taten der Freimaurer? Ich kenne nur ihre Reden und öffentliche Darstellungen. Diese sind meist schöner gedruckt als gedacht und gesagt.

Falk: Das haben sie mit mehreren Organisationen gemeinsam.

Ernst: Oder sind das die Taten der Freimaurer Broschüren drucken?

Falk: Solange der Inhalt zur Darstellung passt…

Ernst: Und mit was stellen sie sich denn dar? – Das sind doch lauter Dinge, die man von jedem guten Menschen, von jedem rechtschaffenden Bürger erwartet. – Sie sind so freundlich, so wohltätig, so tolerant.

Falk: Ist das denn nichts?

Ernst: Nein! – Nichts, um sich dadurch von andern Menschen abzugrenzen. – Wer ist das denn nicht?

Falk: Genau, jeder sollte so sein!

Ernst: Wer will nicht auch so sein, auch wenn er kein Freimaurer ist? Wer hat nicht den Antrieb und die Gelegenheit genug dazu?

Falk: Aber mit der Freimaurerei hat man eben noch etwas mehr Energie dazu.

Ernst: Hör mir auf mit der Energie. Es gibt so viele Dinge, die ich machen möchte. Aber am Ende gelingt mir nichts. Lieber einer einzigen Sache die gesamte intensive Kraft gegeben! – Die Menge der Möglichkeiten lässt die verfügbare Energie verpuffen.

Falk: Da kann ich dir nicht widersprechen.

Ernst: Aber warum sollte ich all meine Energie der Freimaurerei geben? – Dann hätte ich ja keine Energie mehr für andere Dinge. Die Freimaurerei ist doch nicht besser als andere Dinge?

Falk: Bleib ruhig mein Lieber!

Ernst: Ich wollte damit ausdrücken, dass die Selbstdarstellung der Freimaurerei selbstgefällig und überheblich ist.

Falk: Nein, die Selbstdarstellung ist das was sie ist. Die wohltätigen Taten sind Tatsachen und sprechen für sich. Aber es ist halt noch mehr.

Ernst: Ja, nun weiß ich was du meinst. Wie konnten sie mir nur nicht gleich einfallen, diese Taten, diese sprechenden Taten. Ich möchte sie fast hinausschreien (sarkastisch). Nicht genug, dass sich die Freimaurer untereinander unterstützen, und zwar auf das kräftigste unterstützen: denn das alleine macht ja nun mal jede Bande. Was tun sie denn für uns alle? Sie müssen etwas für den Staat tun!

Falk: (lachend) Was meinst du konkret? Nur um zu sehen ob du auf der richtigen Spur bist?

Ernst: Zum Beispiel die Freimaurer in München! – Haben sie nicht ein Auto für die Tafel gespendet?

Falk: Wenn sie nicht sogar noch mehr getan haben.

Ernst: Was denn noch?

Falk: Ich kann mich erinnern, dass es noch andere Dinge waren.

Ernst: Und die Freimaurer in Hamburg, die ein Seniorenheim betreiben. Dagegen ist das Auto für die Tafel doch eher eine kleine Sache.

Falk: Ernst! Jetzt wirst du gehässig.

Ernst: Und die Freimaurer in Leipzig. Sie unterstützen die Leseförderung bei Kindern.

Falk: Warum nicht? Was ist damit?

Ernst: Und die Freimaurer in Berlin, die den Wiederaufbau des Neuen Schlosses unterstützt haben.

Falk: Was sagst du? – Die Freimaurer? Das Neue Schloss unterstützen? – Wer hat dir das denn erzählt?

Ernst: Die Zeitung hat es herausposaunt.

Falk: Die Zeitung! – Da müsste ich eigenhändig die Quittung sehen. Und die muss mich dann überzeugen, dass die Quittung nicht an Freimaurer in Berlin, sondern an die Freimaurer generell gerichtet wäre.

Ernst: Was soll das nun? – Billigst du denn das Neue Schloss nicht?

Falk: Was? Ich soll das nicht gut finden? Wer kann es mehr billigen als ich?

Ernst: Du wirst ja wohl diese Unterstützung nicht missgönnen?

Falk: Missgönnen? – Wer kann es den Menschen dort mehr gönnen als ich?

Ernst: Also, jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

Falk: Das glaube ich dir. Zudem muss ich zugeben, dass ich Unrecht habe. – Denn auch ein Freimaurer kann etwas tun, was er aber nicht als Freimaurer, sondern als Bürger der Gesellschaft macht.

Ernst: Und soll das nun auch für alle ihre übrigen guten Taten gelten?

Falk: Vielleicht! – Vielleicht, dass all die guten Taten, die du mir da genannt hast, nur Taten sind, welche in der Öffentlichkeit gesehen werden.

Ernst: Wie meinst du das?

Falk: Es waren alles nur die Taten, die der Bevölkerung in die Augen fallen – nur Taten, die sie bloß deswegen tun, damit man sie sieht und wahrnimmt.

Ernst: Um was zu bekommen? Achtung und Aufmerksamkeit?

Falk: Könnte so sein.

Ernst: Und was sind dann die wahren Taten der Freimaurer? – Du schweigst dazu?

Falk: Was wäre, wenn ich dir schon geantwortet hätte? – Ihre wahren Taten sind ihr Geheimnis.

Ernst: Ha! Ha! Also auch nicht erklärbar durch Worte?

Falk: Nicht ganz! – Nur so viel kann und darf ich dir sagen: die wahren Taten der Freimaurer sind so groß, so weitreichend, dass ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe irgendjemand sie erkennt! Dennoch haben sie alles Gute getan, was dann später noch in der Welt sein wird! Es geht darum, dass das Gute in der Welt wirkt und dass Menschen, die das Gute tun, sie damit gestalten. Auch wenn sie nicht in einer Loge Mitglied sind.

Ernst: Soso. Jetzt fängst du an dich über mich lustig zu machen.

Falk: Quatsch. Tue ich nicht! Die wahren Taten der Freimaurer zielen darauf ab, so viel Gutes in der Welt zu verankern, dass man als Ergebnis keine Freimaurerei mehr bräuchte.

Ernst: Das sind doch dann auch gute Taten?

Falk: Es kann keine Besseren geben. – Denke kurz darüber nach. Ich bin gleich wieder bei dir.

Ernst: Gute Taten, die darauf zielen, gute Taten entbehrlich zu machen? – Das ist ein Rätsel und über Dinge, die ich nicht verstehe, denke ich nicht nach. – Stattdessen lege ich mich lieber unter den Baum und sehe den Ameisen zu.


Zweites Gespräch

Ernst: Und nun? Wieder da?

Falk: Ja, schneller als gedacht. Hast du nachgedacht?

Ernst: Über was, über deine Rätsel? – Ich werde dein Rätsel nicht verstehen! Darum mache ich mir auch keine weitere Mühe und habe nicht darüber nachgedacht. – Einmal von den Freimaurern mit dir gesprochen und nie wieder. Denn du bist wie alle Freimaurer.

Falk: Wie alle Freimaurer? DAS würde ich nicht gerade von mir behaupten.

Ernst: Nicht? Gibt es also auch Verräter unter den Freimaurern? Und selbst wenn du einer davon wärst. Vom Prinzip ist es egal. Das meinte ich!

Falk: Wovon hast du geredet?

Ernst: Verräterische oder treue Freimaurer, es ist egal. Alle spielen nur mit den Worten und beantworten die Fragen der Außenstehenden ohne tatsächlich Antworten zu geben.

Falk: Meinst du? – Wenn du das so siehst, dann lass uns eben über etwas anderes reden. Denn vorhin schon hast du mich aus meinen stummen Tagträumen heraus gerissen.

Ernst: Nichts ist leichter, als dich wieder in diesen Zustand zu versetzen. – Setz dich nur zu mir und schau mal!

Falk: Auf was denn?

Ernst: Sieh Dir mal diesen Ameisenhaufen an. Auf den ersten Blick ein vollkommenes Durcheinander, und dennoch folgt alles einer Ordnung. Wie sie hin und her wuseln. Siehst du das? Sie helfen einander sogar.

Falk: Klar, denn die Ameisen leben in einer Gesellschaft, ebenso wie die Bienen.

Ernst: Aber bei den Ameisen ist der Einfluss der Königin geringer als bei den Bienen.

Falk: Ordnung muss also doch auch ohne eine Regierung bestehen können.

Ernst: Klar, wenn sich jeder selbst zu regieren vermag: Warum nicht?

Falk: Ob das wohl auch einmal der gesamten Menschheit gelingt?

Ernst: Wahrscheinlich eher nicht!

Falk: Schade!

Ernst: Jawohl!

Falk: Komm, steh auf und lass uns gehen. Denn die Ameisen werden gleich auf dir herumkrabbeln und zudem fällt mir auch gerade etwas ein, was ich dich bei dieser Gelegenheit noch fragen muss. – Ich kenne deine Meinung nämlich darüber noch gar nicht.

Ernst: Worüber?

Falk: Über die bürgerliche Gesellschaft des Menschen so im Allgemeinen. – Wofür hältst du sie?

Ernst: Für etwas sehr Gutes.

Falk: Darüber lässt sich nicht streiten. – Aber hältst du sie für Zweck oder Mittel?

Ernst: Ich verstehe nicht was du meinst.

Falk: Glaubst du, dass die Menschen für die Staaten erschaffen werden? Oder dass die Staaten für die Menschen sind?

Ernst: Soziologen würden sagen der Mensch ist für den Staat geschaffen. Aber wahrscheinlicher ist, dass die Staaten dem Menschen dienen sollten.

Falk: So sehe ich es auch. Staaten dienen dem Menschen dazu gemeinsam mehr zu erreichen als es dem Individuum alleine gelingen mag. Staaten geben Sicherheit. Soziale und Physische. Das Wohl des Staates ist die Summe des Wohls der einzelnen Individuen. Sobald auch nur ein einzelnes Individuum leiden muss, dann ist das schon fast Tyrannei. Nichts anderes!

Ernst: Ich würde das aber nicht so laut aussprechen.

Falk: Warum nicht?

Ernst: Ansichten und Meinungen, die sich jeder selbst bilden kann, können von Extremisten auch missbraucht werden.

Falk: Weißt du eigentlich, dass du schon ein halber Freimaurer bist?

Ernst: Ich?

Falk: Ja, du. Denn du erkennst schon, dass viele Dinge unterschiedlich betrachtet werden können.

Ernst: Aber dennoch sollte man darüber reden können.

Falk: Der Weise Mann spricht nicht über alles.

Ernst: Tja, wie du meinst! – Kommen wir jetzt schon wieder zu den Freimaurern zurück? Wir wollten doch darüber nicht mehr sprechen.

Falk: Entschuldige! – Aber du siehst, ich bin zumindest bereit dazu dir mehr von ihnen zu erzählen.

Ernst: Du machst dich über mich lustig! – Also: Das bürgerliche Leben der Menschen, alle Staatsverfassungen ist nur ein Mittel um das Wohl der Menschen zu steigern. Und weiter?

Falk: Nichts weiter. Diese Mittel sind alle eine Erfindung des Menschen. Auch wenn die Natur mit dem menschlichen Verstand die Grundlage dazu gelegt hat.

Ernst: Das hat dann auch dazu geführt, dass einige die bürgerliche Gesellschaft als durch unsere Natur begründet sehen. Als ob in uns nicht noch der Neandertaler für unsere Gefühle und Leidenschaften zuständig ist. Dieser Neandertaler ist zunächst erst einmal egoistisch orientiert. Das Wohl der Gesellschaft liegt nicht im Fokus des einzelnen. Nur das eigene Wohl ist ein erstrebenswertes Ziel!

Falk: Sehr gut erkannt. Mit dieser Erkenntnis kommst du meiner Argumentation entgegen. Wenn also die Staatsverfassungen vom Menschen und nicht der Natur geschaffen werden, sollten sie dann vom Schicksal aller menschlichen Schöpfungen verschont bleiben?

Ernst: Was ist denn das Schicksal menschlicher Schöpfungen?

Falk: Die Eigenschaft, die alle menschlichen Schöpfungen eigen ist. Das was sie von göttlichen Schöpfungen unterscheidet.

Ernst: Und das wäre was genau?

Falk: Dass sie nicht perfekt sind. Dass sie das, was sie eigentlich bezwecken, nicht erreichen oder sogar das Gegenteil davon hervorbringen.

Ernst: Hmmm, hast du ein Beispiel? Wenn dir eines einfällt.

Falk: So soll der Ausstieg aus der Atomenergie die Energieerzeugung sicherer machen, gleichzeitig kommt es aber auch zu negativen Effekten, wie mehr Braunkohlenutzung, der Umgestaltung der Landschaft durch Windräder oder der Notwendigkeit Stromtrassen von Nord nach Süd auf Kosten der Umwelt und der Bewohner zu errichten.

Ernst: OK, jetzt glaub ich es zu verstehen. Es gibt viele Entscheidungen im Staat, von denen manche besser und andere schlechter sind. Manche davon sind sogar fehlerhaft und nicht ausgereift. Aber die beste Lösung dafür muss wahrscheinlich erst noch erfunden werden.

Falk: Ja, du bist auf dem richtigen Weg. Stell dir vor, es gibt die beste mögliche Staatsform mit den bestmöglichen Entscheidungen. Und stell dir vor, dieses Utopia wird gleichzeitig in der ganzen Welt verteilt. Glaubst du nicht auch, dass es selbst dann noch Dinge gibt welche das Wohl der einzelnen Menschen negativ beeinträchtigt?

Ernst: Wenn es nicht zum Wohl aller beiträgt, dann ist es einfach nicht der beste aller Staaten.

Falk: Also gäbe es weiterhin eine noch bessere Staatsform? OK, nehmen wir die nächstbessere und spielen den Gedanken erneut durch.

Ernst: Du willst mir also erzählen, dass alle menschlichen Schöpfungen, zu denen die Staaten ja auch gehören, nichts anderes als mängelbehaftet sein können.

Falk: Nicht nur…

Ernst: Und du könntest mir einen dieser Mängel nennen?

Falk: Welcher aus der besten Staatsform entstehen kann? Nicht nur einen – ach, mindestens 10 Punkte.

Ernst: Mir reicht erstmal einer.

Falk: OK, spinnen wir unsere Gedanken etwas weiter. Also: Die beste Staatsform existiert und alle Menschen auf der Erde leben in dieser besten Staatsform. Würden somit alle Menschen auf der Erde nur einen Staat bilden?

Ernst: Ich denke eher nicht. Ein so ungeheuer großer Staat ist nur schwer zu verwalten. Er müsste sich also in mehrere kleine Staaten aufteilen, welche nach den gleichen Gesetzen verwaltet werden.

Falk: Das bedeutet also, die Menschen wären immer noch Deutsche, Franzosen, Holländer, Japaner, Amerikaner, oder was sie sonst noch immer sind?

Ernst: Definitiv, ja!

Falk: Nun, da haben wir schon einen Mangel. Denkst du nicht, dass jeder dieser kleinen Staaten sein eigenes Interesse hätte. Und dass jedes Individuum dieses Staates das Interesse seines Staates unterstützen würde?

Ernst: Ich denke ja. Wie sollte es sonst anders sein?

Falk: Diese verschiedenen Interessen werden sicherlich zu Spannungen und Schwierigkeiten zwischen den Staaten führen. Mitglieder von zwei unterschiedlichen Staaten werden sich nicht unvoreingenommen begegnen können, genauso wenig wie ein Deutscher einem Griechen oder ein Franzose einem Engländer.

Ernst: Sehr wahrscheinlich!

Falk: Und somit begegnet nicht ein Mensch einem anderen auf gleicher Ebene, sondern ihre Vorurteile sorgen dafür, dass ein Misstrauen zwischen ihnen besteht. Und das bevor sie sich kennengelernt haben.

Ernst: Das ist leider wahr.

Falk: Also kann man in letzter Konsequenz sagen, dass die beste aller Staatsformen, welche die Menschen vereinigen soll, sie dennoch auch gleichzeitig trennt?

Ernst: Wenn du es so siehst, ja.

Falk: OK, dann gehen wir einen Schritt weiter: viele von den kleinen Staaten haben sicherlich auch ein unterschiedliches Klima, somit auch ganz unterschiedliche Bedürfnisse und damit auch ganz unterschiedliche Wege der Befriedigungen dieser Bedürfnisse und damit auch unterschiedliche Gewohnheiten und Sitten, damit unterschiedliche Sittenlehren und in letzter Konsequenz, unterschiedliche Religionen.

Ernst: Das ist jetzt aber ein ganz schöner Gedankensprung.

Falk: Die Menschen würden also immer noch Christen, Muslime, Juden, Hinduisten oder was auch immer sein.

Ernst: Soweit erst mal kein Widerspruch.

Falk: Also wenn dem so ist, dann interagieren sie auch so, wie sie sich definieren. Nicht als ein Mensch mit einem anderen Menschen, sondern als Buddhist mit einem Hinduisten, oder wie sich
die Lehrart auch immer nennen mag. Also besondere Menschen gegen andere besondere Menschen. Und zur weiteren Abgrenzung mag es auch passieren, dass sich die einen für besser ansehen als die anderen. Und es kann daher vorkommen, dass diejenigen, die sich für besser halten, sich auch mehr zugestehen als den anderen, welche sie als geringer erachten.

Ernst: Das klingt sehr traurig, aber leider ist es vermutlich anzunehmen.

Falk: Nur vermutlich?

Ernst: Ja, denn ich dachte doch, dass alle Staaten eine identische Staatsform und auch eine identische Religion haben würden. Ohne identische Religion ist eine identische Staatsform nicht möglich.

Falk: Dachte ich auch. Ich habe es einfach mal so angenommen, um dich zum Thema hinzuführen. Das eine kann geschehen, das andere auch. Ein Staat oder mehrere Staaten. Mehrere Staaten haben mehrere Staatsformen, mehrere Staatsformen bewirken mehrere Religionen.

Ernst: Ja, ja, so scheint es.

Falk: Oh nein, so ist es! Nun haben wir den zweiten Mangel welchen die bürgerliche Gesellschaft unbeabsichtigt verursacht. Sie kann die Menschen nicht vereinigen, ohne sie zu trennen. Nur durch Abgrenzung nach außen erfolgt eine Einigung nach innen.

Ernst: Und wie weitreichend diese Abgrenzungen sind, viele davon scheinen unüberbrückbar.

Falk: Lass mich einen dritten Punkte hinzufügen. Die bürgerliche Gesellschaft trennt nicht nur die Menschen in verschiedene Völker und Religionen. Das wären trotz allem noch einige wenige, sehr große Teilmengen. Diese Teilmengen wären für das Individuum noch immer besser als ohne die Gesellschaft zu leben. Nein, die bürgerliche Gesellschaft trennt auch innerhalb der Staaten und Religionen.

Ernst: Wieso?

Falk: Meinst du es gibt einem Staat in welchem alle Individuen gleich sind. Ohne Unterschiede in Rang und Einkommen? Auch wenn die Staatsform die optimale ist, so können unmöglich alle Mitglieder vollkommen gleich sein. Auch wenn sie gemeinsam den Staatswillen formen, so wird es welche geben, die mehr zum Staat beitragen und andere die weniger beitragen. Nehmen wir an, das Vermögen des Staates war am Anfang vollkommen gleich unter allen Mitgliedern aufgeteilt. Diese gleichmäßige Verteilung wird wahrscheinlich nicht länger als maximal zwei Generationen dauern. Manche verstehen es das Vermögen besser zu verwalten als andere. Diejenigen die
weniger Vermögen an die folgende Generation verteilen können werden eine Folgegeneration mit noch mehr Unterschied schaffen. Es wird also reichere und ärmere Mitglieder des Staates geben.

Ernst: Das versteht sich von selbst.

Falk: Dann überlege mal wie viel Übel es auf der Welt wegen dieser Vermögensunterschiede gibt.

Ernst: Ich kann Dir nicht widersprechen. OK, ich sehe, dass sich die Menschen nur durch Trennung einen lassen. Das ist nun einmal so. Das kann also nicht anders sein.

Falk: Das ist die grundlegende Erkenntnis.

Ernst: Also, was willst du damit sagen? Mir mein bürgerliches Leben vermiesen? Willst du, dass ich mir wünsche, dass der Mensch den Gedanke, sich in Staaten zu vereinigen, nie gehabt hätte?

Falk: Kennst du mich so wenig? Wenn die Gesellschaft auch nur den Vorteil hätte, dass menschliche Vernunft eine Heimat fände, dann würde ich alles Übel in Kauf nehmen.

Ernst: Ohne Feuer kein Rauch.

Falk: Allerdings! – Aber weil es eben kein Feuer ohne Rauch geben kann, warum sollte nicht jemand einen Rauchfang erfinden? Und dieser ist kein Feind des Feuers, er versucht nur die negativen Begleiterscheinungen zu dämpfen.

Ernst: OK. – Jetzt verstehe ich dich nicht mehr.

Falk: Dieser Vergleich war doch sehr passend. Wenn Menschen nur in Staaten vereinigt werden können indem sie sich abgrenzen, sind diese Abgrenzungen dann nicht etwas Gutes?

Ernst: Das wohl eher nicht.

Falk: Werden sie darum heilig, diese Trennungen?

Ernst: Wie heilig?

Falk: Dass sie nie in Frage gestellt und verändert werden sollten.

Ernst: Mit Absicht?

Falk: In der Absicht diese Trennung nicht noch größer werden zu lassen als nötig. In der Absicht die Folgen soweit es geht zu dämpfen.

Ernst: Wie könnte man das nicht wollen?

Falk: Aber gesetzlich kann es nicht angeordnet werden. Denn bürgerliche Gesetze erstrecken sich nur über den eigenen Staat, nie darüber hinaus. Man könnte nur wünschen, dass sich die anderen Staaten ebenfalls diesen Gesetzen unterwerfen würden.

Ernst: Das würde ich mir wünschen.

Falk: Und ich würde mir wünschen, dass sich in jedem Staat Menschen finden lassen, die sich über die Vorurteile der Völker erheben und welche die genau die Grenze kennen, wo der Patriotismus aufhört eine Tugend zu sein.

Ernst: Das würde ich mir wünschen.

Falk: Und ich würde mir wünschen, dass es in jedem Staat Menschen geben würde, die den Vorurteilen der Religion, in welcher sie aufwuchsen, nicht bedingungslos folgen würden. Dass diese Menschen es als gut und notwendig erkennen, was Ihnen die menschliche Vernunft und nicht der Glaube vorgibt.

Ernst: Das würde ich mir wünschen.

Falk: Und ich würde mir wünschen, dass es in jedem Staat Menschen geben würde, die sich von bürgerlichem Stand nicht blenden lassen und die sich nicht zu schade sind, den aus der Gesellschaft ausgegrenzten Menschen auf gleicher Augenhöhe als Mensch zu begegnen. Ich wünsche mir Menschen, in deren Gesellschaft der Hohe sich gerne herab lässt und sich der Geringe dreist erhebt.

Ernst: Das würde ich mir wünschen.

Falk: Und wenn er erfüllt wäre, dieser Wunsch, was dann?

Ernst: Erfüllt? – Sicher, es wird vereinzelt solche Menschen geben…

Falk: Nicht vereinzelt…!

Ernst: In manchen Ländern vielleicht mehr als in anderen.

Falk: Was wenn ich dir sagen würde, dass es diese Menschen überall auf der Welt gibt, gegeben hat und geben wird?

Ernst: Wenn es so sein soll?

Falk: Und diese Menschen nicht isoliert voneinander sind?

Ernst: Schöner Traum!

Falk: Ich will es kurz machen. – Was wäre wenn diese Männer die Freimaurer wären?

Ernst: Was sagst du?

Falk: Was, wenn es die Freimaurer wären, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, jene Trennung zu überwinden und die Menschen, die sich fremd geworden sind, wieder so eng wie möglich zusammenbringen möchten?

Ernst: Die Freimaurer?

Falk: Du hast mir nicht zugehört. Die Ziele der Freimaurer.

Ernst: Die Freimaurer?

Falk: Ach! Entschuldige! – Ich hatte es schon wieder vergessen, dass du von den Freimaurern nichts weiter hören willst. – Schau, dort ist ein Café. Komm mit!

Ernst: Nicht doch! – Noch einen Augenblick! – Die Freimaurer, sagst du?

Falk: Das Gespräch kam zufällig auf sie. Tut mir leid – Du wolltest doch nichts mehr von ihnen hören. Komm wir gehen erst mal einen Kaffee trinken. Komm!


Drittes Gespräch

Ernst: Du bist mir den ganzen Tag im Gewirr des Tages ausgewichen. Aber ich verfolge dich mal nach Hause.

Falk: Hast du mir etwas so Wichtiges zu sagen? Nur für ein Gespräch bin ich heute leider zu müde.

Ernst: Mach dich nicht über meine Neugierde lustig.

Falk: Deiner Neugierde?

Ernst: Die du diesen Morgen so stark in mir geweckt hast.

Falk: Wovon sprachen wir diesen Morgen?

Ernst: Von den Freimaurern.

Falk: Ja und? – Ich habe dir im Rauschen des Flusses, an dem wir waren, doch nicht das Geheimnis verraten, oder?

Ernst: Du hast ja gesagt, dass man das nicht verraten kann.

Falk: Zum Glück, ich dachte schon ich hätte mich hinreißen lassen.

Ernst: Aber du hast mir doch über die Freimaurer etwas gesagt, was ich nicht wusste und über das ich nachdenken musste.

Falk: Und was war das?

Ernst: Ach komm, lass das! – Du erinnerst dich bestimmt an das Gespräch.

Falk: Ja, es fällt mir nach und nach wieder ein. – Und das war der Grund, warum du den ganzen Tag nicht mehr zu erreichen warst und nicht gesehen wurdest?

Ernst: Das war es! – Und ich kann nicht einschlafen, wenn du mir nicht noch wenigstens eine Frage beantwortest.

Falk: OK, leg los, welche Frage denn?

Ernst: Du hast versucht mir zu erklären, dass die Freimaurer sich bemühen die Trennungen zwischen den Menschen zu überwinden. Das wären ja große und würdige Absichten.

Falk: Habe ich tatsächlich von ihren Absichten gesprochen? Ich glaube eher nicht. Eher da du so gar keine Vorstellung über die Taten der Freimaurer hattest, habe ich darauf aufmerksam machen wollen, dass noch vieles geschehen kann, was selbst die Idealisten der Staaten sich nicht träumen lassen. Und dass vielleicht die Freimaurer ebenfalls daran arbeiten. Vielleicht an dieser Sache. Die dazu nötigen Dinge sind auch Nichtfreimaurern bekannt und es wird bereits daran gearbeitet.

Ernst: Jetzt rede dich nicht raus. Ich habe mir aus deinen Vorstellungen ein Bild von Personen gebildet, welche den unvermeidlichen Übeln des Staates entgegen arbeiten.

Falk: (lachend) Na mit dieser Vorstellung machst du den Freimaurern wenigstens keine Schande. Aber denke tiefer. Und bringe nichts hinein, was nicht hinein gehört. Die unvermeidlichen Übel des Staates. Nicht eines bestimmten Staates, nicht einer bestimmten Staatsform. Mit diesen gibt sich der Freimaurer nicht ab, zumindest nicht in seiner Eigenschaft als Freimaurer. Die Überwindung dieser Übel überlässt er dem normalen Bürger, der sich je nach den individuellen Möglichkeiten damit beschäftigen kann. Die Übel einer anderen, höheren Art sind Gegenstand der Wirksamkeit der Freimaurerei.

Ernst: Ich habe das schon verstanden. – Keine Übel, welche der einzelne Bürger macht, sondern Übel, mit denen auch der glücklichste Bürger nicht leben kann.

Falk: Genau! Gegen diese – wie sagtest du? – Gegen diese Arbeiten?

Ernst: Ja!

Falk: Entgegenarbeiten, das ist ein großer Begriff. Aber nicht um die Übel völlig aufzuheben, denn das würde den Staat zusammen mit den Übeln vernichten. Vielleicht beschreibt man es eher als ein Sensibilisieren der Menschen, das Entzünden des Gedankens und die Schaffung einer Umgebung, in welcher diese Gedanken wachsen können. Das könnte man Entgegenarbeiten nennen. Verstehst du jetzt warum ich dir sagte: die Freimaurer waren schon immer tätig und dass Jahrhunderte vergehen können bis man den Erfolg dieser Taten sieht?

Ernst: Und nun verstehe ich auch den zweiten Teil des Rätsels. – Gute Taten, welche gute Taten entbehrlich machen sollen.

Falk: Genau, und nun geh und lerne alles Üble kennen und wäge alle Dinge gegeneinander auf. Sei dir bewusst, dass dein bisher einfaches Leben damit auf einem Schlag sehr viel komplexer wird. Du wirst Wirkmechanismen und Dinge erkennen, welche dich schwermütig machen können und dich verzweifeln lassen. Wenn du erkennst, dass viele Dinge nur sehr schwer geändert werden können. Und dennoch wird dich die Erkenntnis, diese Erleuchtung, dich ruhig und zufrieden machen. Auch ohne dass du Freimaurer bist.

Ernst: Auch ohne Freimaurer zu sein? Wie ist das zu verstehen?

Falk: Weil man wie ein Freimaurer handeln kann, ohne einer zu sein.

Ernst: Das ist gut! Das verstehe ich – Aber ich möchte auf meine Frage wieder zurückkommen, die ich nur ein wenig anders stellen muss. Eben weil ich sie nun ja kenne, diese Übel, gegen welche die Freimaurerei angeht.

Falk: Du kennst sie?

Ernst: Hast du mir sie nicht gerade selbst genannt?

Falk: Ich habe dir nur einige Beispiele genannt. Nur einige von denen, die aber jedem schnell einleuchten. Nur einige der unbestrittenen, weltweit gültigen Übel dieser Welt. Aber es sind noch so viele übrig und auch einige, die sich nicht so schnell erschließen, welche die vom Standpunkt abhängen und einige kleine. Doch eines haben sie alle gemeinsam, sie sind nicht weniger notwendig.

Ernst: Dann lass uns meine Frage nur auf die Beispiele beschränken die du mir selbst gesagt hast. Wie kannst du mir beweisen, dass die Freimaurer daran tatsächlich Interesse habe? (Pause). Du sagst gar nichts. Musst du überlegen?

Falk: Ja, muss ich. Aber nicht über die Frage. Ich grüble warum du mir diese Frage stellst.

Ernst: Und du wirst mir meine Frage beantworten, wenn ich dir sage warum ich frage?

Falk: Das verspreche ich dir.

Ernst: Ich kenne und fürchte deinen Scharfsinn.

Falk: Meinen Scharfsinn?

Ernst: Ja, ich befürchte du erklärst deine Vermutungen dann zu Tatsachen.

Falk: (lacht) Nein. Versprochen!

Ernst: Habe ich dich damit beleidigt?

Falk: Nein. Ich muss Dir eher dankbar sein, dass Du mich scharfsinnig nennst. Du hättest auch was anderes sagen können.

Ernst: Nein, hätte ich nicht. Ich weiß wie leicht der Scharfsinnige sich selbst betrügt. Wie leicht er anderen Menschen Pläne und Absichten unterstellt, an welche dieser selbst nie gedacht hätte.

Falk: Aber aus was schließen wir auf die Pläne und Absichten der Menschen. Doch sicherlich aus ihren Handlungen?

Ernst: Woraus denn sonst? Und wir sind wieder beim Kern meiner Frage: Mit welchen einzelnen Handlungen der Freimaurer kann man nachweisen, dass es nur der Freimaurerei gelingt die von dir genannten Klüfte, welche der Staat unter den Menschen notwendig macht, zu überwinden und die Menschen zu vereinen?

Falk: Und zwar nicht zum Nachteil der jeweiligen Staaten.

Ernst: Umso besser. Es müssen ja nicht unbedingt Handlungen sein. Es können auch nur Besonderheiten sein, welche sich daraus ableiten. An so etwas musst du schon bei unserem ersten Gespräch gedacht haben, als du über dein hypothetisches System sprachst.

Falk: Mein lieber Ernst, du bist noch misstrauisch. Aber ich hoffe, dass sich das gibt, sobald ich dir eines der Grundgesetze der Freimaurerei erkläre.

Ernst: Und welches?

Falk: Aus welchem sie nie ein Geheimnis gemacht haben. Nach welchem sie immer vor den Augen der ganzen Welt gehandelt haben.

Ernst: Und was ist das?

Falk: Das Grundgesetz der Freimaurer ist, jeden würdigen Mann von gutem Ruf, ohne Unterschied des Vaterlandes, ohne Unterschied der Religion, ohne Unterschied seines bürgerlichen Standes in ihren Orden aufzunehmen.

Ernst: Sehr gut, das ist toll!

Falk: Für Menschen die bereits an der Überwindung der Klüfte arbeiten erscheint dieses Grundgesetz sehr viel leichter zu realisieren als für diejenigen, welche diese Klüfte aufbauen. Die Flamme muss schon brennen bevor sie ein Feuer wird.

Ernst: O ja!

Falk: Und warum sollten sich die Freimaurer nicht einer ganz profanen List bedienen? Nämlich der, dass man einen Teil der geheimen Absichten scheinbar offen zeigt um die Leute in die Irre zu
führen, welche immer etwas ganz anderes dahinter vermuten, als eben das was man offensichtlich sieht.

Ernst: Warum nicht?

Falk: Warum sollte der Künstler, der Silber zaubern kann, nicht auch mit Altsilber handeln, nur um zu verschleiern, was er tatsächlich kann?

Ernst: Warum nicht?

Falk: Ernst, hörst du mir wirklich zu? Das war ein Witz. Ich glaube du schläfst schon.

Ernst: Nein, Freund! Aber ich habe genug; genug für diese Nacht. Morgen früh fahr ich wieder zurück in die Stadt.

Falk: Morgen schon? Warum denn so früh?

Ernst: Du kennst mich doch so gut und fragst dennoch? Wie lange dauert deine Schulung über die Freimaurer denn noch?

Falk: Ich habe sie doch erst vorgestern angefangen.

Ernst: Wir machen ein andermal weiter. – Gute Nacht!

Falk: Gute Nacht! Und morgen eine gute Reise!
Der Funke hatte gezündet: ERNST ging, und wurde Freimaurer.


Viertes Gespräch

Falk: Ernst! Herzlich willkommen! Endlich sehen wir uns wieder einmal! Ich werde bald auf Kur gehen.

Ernst: Und freust du dich darauf? Ich freue mich jedenfalls für dich.

Falk: Was ist denn los? Niemand sagte ein: „ich freue mich“ mit so viel Ärger in der Stimme wie du.

Ernst: Ich bin auch ärgerlich, und zwar auch auf dich.

Falk: Auf mich?

Ernst: Du hast mich zu einem albernen Schritt verleitet – Schau her! – Gib mir deine Hand! (begrüßt ihn mit dem Griff) – Was sagst du dazu? – Du zuckst nur mit den Achseln? Das hat mir gerade noch gefehlt.

Falk: Dich verleitet? Wozu denn?

Ernst: Es kann sein, dass du das nicht bewusst gewollt hast.

Falk: Und dennoch gibst du mir die Schuld daran?

Ernst: „Der Mann Gottes spricht zum Volk von einem Lande, in dem Milch und Honig fließt und dann soll sich das Volk nicht danach sehnen? Und soll nicht sauer sein auf den Mann Gottes, wenn er sie, anstatt in dieses gelobte Land, in die dürre Wüste führt?“

Falk: Aber Ernst, so schlimm kann es doch nicht sein – zudem sehe ich ja, dass du dich schon mit unseren Vorfahren beschäftigt hast.

Ernst: Aber sie waren nicht mit Flammen, sondern mit Rauch umgeben.

Falk: Warte doch mal bis sich der Rauch verzieht und die Flammen dann wieder deutlich leuchten und einen wärmen.

Ernst: Der Rauch wird mich ersticken, bevor mich die Flamme erleuchtet. An diesen Flammen werden sich dann andere wärmen, nämlich diejenigen, die den Rauch besser vertragen können.

Falk: Du sprichst doch nicht von Leuten, die den Rauch ertragen, wenn es nur der Rauch einer fremden, leckeren Küche ist?

Ernst: Du kennst sie also doch?

Falk: Ich habe von ihnen gehört.

Ernst: Und warum hast du mich dann so auf das Glatteis geführt? Um mir Sachen vorzuspiegeln, obwohl du wusstest, dass sie nicht gut für mich sind?

Falk: Dein Ärger macht Dich sehr ungerecht mir gegenüber. Ich soll mit dir über die Freimaurerei gesprochen haben, ohne dir mehrfach gesagt zu haben, wie nutzlos es ist, wenn jeder ehrliche Mann ein Freimaurer werden würde. – Nur wie „nutzlos“? – Nein, ich sagte es wäre sogar eher schädlich.

Ernst: Das kann sein.

Falk: Ich soll dir nicht gesagt haben, dass man die höchsten Pflichten der Maurerei erfüllen kann, ohne selbst ein Freimaurer zu sein?

Ernst: Doch, ich erinnere mich wieder – Aber du weißt ja, wenn ich meiner Fantasie erst einmal freien Lauf lasse – wie kann ich sie dann noch festhalten? – Ich werfe dir nichts vor, außer dass du sie beflügelt hast.

Falk: Du hast doch damals schnell aufgegeben, dir das vorzustellen – Und warum hast du mir nichts von deinem Plan erzählt, Freimaurer zu werden?

Ernst: Hättest du mir denn davon abgeraten?

Falk: Klar –Ich mache dir keinen Vorwurf. Du warst schon zu sehr damit beschäftigt, um damit wieder aufzuhören. Dennoch kann man für dich keine Ausnahme machen. Den Weg müssen alle gehen.

Ernst: Ich habe es auch nicht bereut, dennoch hatte ich mir einfach mehr versprochen von diesem Weg. Aber warten, und wieder warten, und nichts als warten!

Falk: Immerhin vertröstet man dich! Und auf was vertröstet man dich denn?

Ernst: Das weißt du doch, auf die schottische Maurerei, auf den schottischen Ritus.

Falk: Nun ja, das stimmt – Aber auf WAS wirst du beim schottischen Ritus vertröstet?

Ernst: Wenn ich das wüsste!

Falk: Und die anderen Neulinge des AASR, wissen denn die auch nichts?

Ernst: Ach die! Die wissen so viel! Die erwarten so viel! – Der Eine will Gold machen, der Andere will Geister beschwören, der Dritte will dies und das machen, usw. – Du lachst? – Du lachst nur?

Falk: (lacht) Was soll ich anderes tun?

Ernst: Dich mit mir zusammen aufregen über solche Sturköpfe!

Falk: Tja, dagegen spricht, dass mich ein Punkt mit ihnen wieder versöhnt.

Ernst: Und was wäre das?

Falk: Dass ich in allen diesen Träumereien dennoch ein Streben nach Wirklichkeit erkenne, so dass sich trotz all diesen Irrwegen noch immer erkennen lässt, wo der wahre Weg hingeht.

Ernst: Auch aus der Goldmacherei?

Falk: Auch aus der Goldmacherei. Ob sich wirklich Gold herstellen lässt oder nicht, ist mir egal. Aber ich bin mir sicher, dass vernünftige Menschen es nur schaffen werden, wenn sie Rücksicht auf die Freimaurerei nehmen. Auch wird der Erste, der Beste, der den Stein der Weisen hat, genau in diesem Augenblick zum Freimaurer.

Ernst: Und die Geisterbeschwörer?

Falk: Bei ihnen gilt in etwa das Gleiche – Die Geister können unmöglich auf die Stimme eines anderen Menschen hören, als auf die Stimme eines Freimaurers.

Ernst: Wie ernst du bei solchen lächerlichen Aussagen bleiben kannst!

Falk: Ach was, ich bin nicht ernsthafter als diese Aussagen selbst.

Ernst: Wenn das mal so wäre! – Was ist denn mit dem Rest?

Falk: Gerade die!

Ernst: Siehst du! Zu denen kannst du nichts sagen. Denn die Tempelritter gab es doch früher einmal, aber Goldmacher und Geisterbeschwörer gab es vielleicht nie. Und natürlich lässt sich darüber spekulieren, wie Freimaurer mit solchen Dingen der Einbildung umgehen.

Falk: Allerdings kann ich hier nur eines dazu sagen: entweder so oder so.

Ernst: Auch gut! Wenn man doch nur wüsste, dass zumindest eines echt ist: entweder diese Tempelritter oder die Freimaurer.

Falk: Reiß dich zusammen Ernst! Ehe du hier noch so eine Spötterei von dir gibst! Ich gebe dir mein Wort! Diese Gruppen sind entweder auf dem rechten Weg, oder so weit davon entfernt, dass sie keine Hoffnung mehr haben sollten, jemals darauf zu gelangen.

Ernst: Wenn ich mir das schon so anhören muss, dann erkläre es mir bitte wenigstens.

Falk: Warum nicht? Man hat lange genug aus Heimlichkeiten das Geheimnis der Freimaurerei gemacht.

Ernst: Wie meinst du das?

Falk: Das Geheimnis der Freimaurerei, wie ich es dir schon beim letzten Mal gesagt habe, ist das, was der Freimaurer nicht sagen kann, auch wenn er es wollte. Aber Heimlichkeiten sind Dinge, die man klar sagen kann. Dinge, die man nur zu gewissen Zeiten, in gewissen Ländern, teils aus Neid, aus Furcht und teils aus Klugheit verschwieg.

Ernst: Zum Bespiel?

Falk: Nehmen wir zum Beispiel gleich diese Verwandtschaft zwischen Tempelrittern und Freimaurern. Es kann durchaus sein, dass es einmal nötig und gut war, sich davon nichts anmerken zu lassen. – Aber jetzt – jetzt kann es gegenteilig höchst schlecht sein, wenn man aus dieser Verwandtschaft noch länger ein Geheimnis macht. Man müsste sie vielmehr laut beschreiben, und die dazu gehörigen Punkte bestimmen, welches zeigt, dass die Tempelritter die Freimaurer ihrer Zeit waren.

Ernst: Sagst du mir diese Punkte?

Falk: Lies die Geschichte der Tempelritter mit Bedacht! Du musst sie selbst erkennen. Du wirst sie bestimmt erraten, und eben das ist der Grund, warum Du kein Freimaurer hättest werden müssen.

Ernst: Ich werde mich sofort an meine Bücher setzen! – Und wenn ich ihn erraten habe, sagst du mir dann, dass ich ihn gefunden habe?

Falk: Du wirst selbst feststellen, dass du dieses Zugeständnis nicht brauchst – Aber um auf mein Dilemma wieder zurückzukommen… Eben dieser Punkt ist es allein, woraus die Entscheidung getroffen wird. – Wenn diesen Punkt alle Freimaurer, die sich mit den Tempelrittern beschäftigen, ihn doch nur erkennen würden, wäre das toll für sie! Toll für die Welt! Toll ist alles, was sie tun! Toll ist alles, was sie unterlassen! – Erkennen und sehen sie diesen Punkt aber nicht, oder wurden sie nur von bloßen Worten verführt, oder hat sie bloß der Freimaurer den sie näher kennen, auf die Tempelritter gebracht, so sind sie nur beigetreten, um ihre gewinnbringenden und fetten Geschäfte
mit ihren neuen Freunden teilen zu können. – Somit sollten wir für diese Menschen hoffen, dass sie viel Mitleid bekommen, damit sie auch noch weiterhin lachen können.

Ernst: Na schau mal! Du kannst also doch noch warm und bitter werden.

Falk: Leider! – Danke für deine Anmerkung. Nun bin ich wieder kalt wie Eis.

Ernst: Und was denkst du, welcher von deinen beiden Fällen hier beim schottischen Ritus der Fall ist?

Falk: Ich befürchte der letztere –ich hoffe dass ich mich täusche! – Denn wenn es der erste wäre, wie können sie eine so dumme Idee haben? – Die Tempelritter wieder herzustellen! – Der große Punkt, in welchem die Tempelritter gleich den Freimaurer waren, gibt es nicht mehr. Wenigstens ist man hier in Europa längst darüber hinaus und es gibt auch keinen neuen Vorstoß mehr. – Was wollen sie also? Wollen sie auch eine große Gruppierung werden? – Doch wen sollte ich eigentlich fragen? Und wen nicht? Hast du mir nicht gesagt, dass diese Goldmacher, Geisterbeschwörer, Tempelritter und andere, als Neulinge in den AASR gebracht werden? Und dort wie Kinder an die Sache herangeführt werden? – Aber Kinder werden Männer – also lass sie nur! – Aber wenn sie schon früh genug beeinflusst wurden, dann prägt dies ihren weiteren Weg.

Ernst: Im Grunde hast du Recht mein Freund! Es sind genau diese „Kindereien“, die mich stören. Ich dachte nie, dass sich dahinter etwas Ernsthaftes verbergen würde und sah einfach darüber hinweg. Viel Zeit umsonst verschwendet. – Aber was mich richtig stört, ist folgendes: Dass ich überall nichts sehe, überall nichts höre, als diese Kindereien und dass keiner etwas von dem wissen will, über was wir uns unterhalten haben. Meine Interessen bleiben unbeachtet. Ich mag darüber reden, so oft ich will und auch gegen wen ich will. Doch niemand will mit einstimmen in das Gespräch, immer überall erlebe ich das tiefste Stillschweigen.

Falk: Was meinst du?

Ernst: Die Gleichheit, die du mir als Grundgesetz des Ordens genannt hast…Diese Gleichheit, die meine ganze Seele mit so unerwarteter Hoffnung erfüllte: Ich möchte sie endlich in Gesellschaft von Menschen erleben können, die über alle bürgerlichen Unterschiede hinweg denken können, ohne das einer auch nur benachteiligt wird.

Falk: Und nun?

Ernst: Kommt das noch? Wenn es das überhaupt jemals so gab! Lass doch mal einen aufgeklärten Juden in die Loge kommen und sich zu Wort melden! Dann heißt es gleich „ein Jude“? Der Freimaurer muss immer ein Christ sein und es ist egal was für ein Christ. Denn ohne Unterschied
der Religion, heißt nur, ohne Unterschied der öffentlich geduldeten Religionen! – Siehst du das auch so?

Falk: Ich eher nicht.

Ernst: Lass einen ehrlichen Schuster, der einige gute Gedanken hat, lass ihn kommen und sich bei der Loge melden! „Ja“ heißt es dann „ein Schuster! Gern einen Schuster“ – Lass einen treuen, erfahrenen Angestellten kommen und sich melden – „Ja“ heißt es „er ist genau wie wir – Wir sind unter uns, also in guter Gesellschaft“

Falk: Und ist das denn keine gute Gesellschaft?

Ernst: Ach was Falk! Daran stört mich, dass es nur die feine Gesellschaft ist, die dem Alltag entfliehen will – Prinzen, Grafen, Herrn von, Offiziere, Räte von allerlei Herkunft, Kaufleute, Künstler – alle die schwärmen freilich füreinander in der Loge ohne den Unterschied des Standes – Aber tatsächlich sind sie alle vom gleichen Stand und der ist leider…

Falk: (unterbricht Ernst) Das war zu meiner Zeit nicht so – obwohl, doch! – Ich weiß es auch nicht, ich kann nur raten. Ich beschäftige mich schon lange nicht mehr mit Verbindung der Logen untereinander, egal von welcher Art sie auch sind. In den Logen von heute kann man inzwischen zwei unterschiedliche Entwicklungen beobachten: Einerseits wird man aufgenommen und andererseits grenzt man Menschen von der Freimaurerei aus.

Ernst: Wieso?

Falk: Weil Loge sich zur Freimaurerei verhält, wie Kirche zum Glauben. Aus dem äußeren Wohlstand der Kirche kann man nicht auf den Glauben der Mitglieder schließen. Vielmehr gibt es einen gewissen äußerlichen Wohlstand der Gläubigen, von dem es ein Wunder wäre, wenn er neben dem wahren Glauben bestehen könnte. Ebenso haben sich diese beiden Punkte noch nie vertragen, sondern meist hat das eine immer das andere zu Grunde gerichtet, wie es die Geschichte zeigt. Und auch so, fürchte ich…

Ernst: (unterbricht Falk) Was?

Falk: Nur noch kurz! Das Logen-Wesen, so wie ich es gerade von dir höre, kann ich nicht verstehen. Eine gemeinsame Kasse haben, Kapital machen, dieses Kapital anlegen, das Geld gewinnoptimierend zu nutzen, sich irgendwo einkaufen zu wollen, sich von Reichen und einflussreichen Personen irgendwelche Privilegien geben lassen. Diese dann wieder zur Unterdrückung der Brüder anwenden, die einer anderen Großloge angehören, als der eigenen, der „Richtigen“ – Wenn das mal auf Dauer gut geht! – Ich hoffe ich liege falsch!

Ernst: Ach herrje! Was kann man denn dagegen tun? Der Staat macht ja nicht viel. Und zudem gibt es ja wohl unter den Personen, die die Gesetze machen oder nach ihnen handeln, schon selbst zu viele Freimaurer!

Falk: Gut! Wenn sie also auch vom Staat nichts zu befürchten haben, was denkst du wird eine solche Verfassung für Einfluss auf sie haben? Geraten sie dadurch nicht offensichtlich wieder dahin, wovon sie sich losreißen wollten? Werden sie dann nicht automatisch aufhören zu sein, was sie sein wollen? – Ich bin mir nicht sicher ob du verstehst auf was ich hinaus will…

Ernst: Rede nur weiter!

Falk: Zwar dauert nichts ewig. Daher soll dieses eben vielleicht der Weg sein, dem ganzen jetzigen Schema der Freimaurerei ein Ende zu setzen.

Ernst: Schema der Freimaurerei? Was meinst du mit Schema?

Falk: Nun, ich meine Schema, Hülle, Verkleidung…

Ernst: Ich weiß es nicht – du hast schließlich davon gesprochen.

Falk: Du wirst doch nicht glauben, dass die Freimaurerei immer nur Freimaurerei gespielt hat?

Ernst: Was soll das heißen? Die Freimaurerei nicht immer Freimaurerei gespielt hat?

Falk: Mit anderen Worten: Meinst du denn, dass das, was die Freimaurerei ist, schon immer Freimaurerei hieß? – Schau mal! Es ist schon Mittag vorbei! Da kommen ja bereits meine Gäste! Du bleibst doch auch noch, oder?

Ernst: Eigentlich wollte ich nicht, aber ich muss ja nun wohl. Denn ich denke ich werde gleich doppelte gesättigt, mein Hunger und mein Wissensdurst.

Falk: Gern doch eine Bitte habe ich: Bitte kein Wort darüber am Tisch.


Fünftes Gespräch

Ernst: Endlich sind sie nach Hause gegangen! – Oh diese Schwätzer! – Und hast du denn nicht bemerkt, dass der eine mit der Warze am Kinn – wie er auch immer heißt – ein Freimaurer ist? Er kam so oft darauf zu sprechen.

Falk: Klar habe ich das gehört. Ich merkte sogar an seinem Gespräch mit uns, dass es dir nicht so gut gefallen hat. Er ist einer von denen, die sich stark machen für die Politik der Amerikaner als Vorbild für Europa.

Ernst: Das wäre nicht das Schlimmste an ihm.

Falk: Er sieht den amerikanischen Kongress als Loge an und ist überzeugt, dass sich in Amerika die Freimaurer ihr Reich mit Waffen in der Hand gegründet haben.

Ernst: Gibt es auch solche Träumer?

Falk: Siehst du ja wohl.

Ernst: Und das nimmst du ihm ab? Warum denn?

Falk: Aus einem Grund, den du auch noch lernen wirst.

Ernst: Mein Gott! Wenn ich wüsste, dass ich mich in den Freimaurern so getäuscht habe…

Falk: Keine Angst Ernst, der Freimaurer wartet ruhig den Aufgang der Sonne ab und lässt die Lichter brennen, so lange sie wollen und können. Die Lichter auslöschen und dann, wenn sie erst einmal aus sind, erst dann wahrnehmen, dass man die Kerzenstümpfe auch wieder anzünden kann, oder sogar neue Kerzen verwenden muss; das macht man als Freimaurer nicht.

Ernst: Das denke ich auch. Was mit Blut bezahlt wurde, ist sicherlich kein Blut wert.

Falk: So ist es! – So, nun frage mich was du fragen wolltest! Ich muss dir ja noch antworten.

Ernst: Da kommen wir sicherlich nie zum Ende.

Falk: Lach, doch, nur musst du mal den Anfang finden.

Ernst: Verstand ich dich, oder verstand ich dich nicht, als wir unterbrochen wurden? Widersprachst du dir, oder widersprachst du dir nicht? Denn als du mir einmal gesagt hast, die Freimaurerei sei immer gewesen, habe ich es so verstanden, dass nicht allein ihr Wesen, sondern auch ihr gegenwärtiger Zustand für längst vergessene Zeiten kommt.

Falk: Wenn das mal so stimmen würde! Ihrem Wesen nach ist die Freimaurerei genauso alt wie die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen. Wenn nicht sogar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Kind der Freimaurerei ist.

Ernst: Auch mir kommt das so vor.

Falk: Ich denke es ist aber eher wie bei Mutter und Tochter, oder Schwester und Schwester. Ihr beiderseitiges Schicksal hat sich immer wechselseitig aufeinander ausgewirkt. So wie es die bürgerliche Gesellschaft überall gab, gab es aller Orts auch die Freimaurerei und umgekehrt. Es war schon immer das sicherste Zeichen einer gesunden Staatsverfassung, wenn sie die Freimaurerei neben sich blühen ließ. So wie es noch immer das unumstößliche Merkmal eines schwachen, ängstlichen Staats ist, wenn er das nicht öffentlich dulden will, was er im Geheimen doch dulden muss, ob er will oder nicht.

Ernst: Nur um das klarzustellen: die Freimaurerei!

Falk: Aber klar! – Denn die beruht im Grunde nicht auf äußerliche Verbindungen, die evtl. dann noch so leicht in bürgerliche Anordnungen ausarten, sondern auf dem gemeinschaftlichen Gefühl sympathisierender Menschen.

Ernst: Und wer nimmt daran teil?

Falk: Und dennoch hat sich die Freimaurerei immer und aller Orten nach der bürgerlichen Gesellschaft richten müssen, denn sie war stets die Stärkere. So wie manchmal die bürgerliche Gesellschaft gewesen ist, so hat auch die Freimaurerei sich nicht versperren können, einiges aus ihr aufzunehmen. Somit hatte auch jede neue Form, wie immer, ihren eigenen, neuen Namen. Wie kannst du also annehmen, dass der Name Freimaurerei älter sein kann, als diejenigen Staatsformen, mit der sie entstanden sind?

Ernst: Und welche ist die meist verbreitetste Art oder Gruppierung?

Falk: Das bleibt deiner eigenen Nachforschung überlassen. Es ist genug, wenn ich dir sage, dass der Begriff Freimaurer, also die Bezeichnung für ein Mitglied dieser Bruderschaft, vor Beginn des 18. Jahrhunderts niemand verwendet hat. Er kommt definitiv vor dieser Zeit in keinem gedruckten Buche vor. Ich will die Person sehen, die mir auch nur das Wort in einer geschriebenen älteren Urkunde zeigen kann.

Ernst: Das also heißt: den deutschen Namen.

Falk: Nein, nein! Auch das ursprüngliche „Freemason“ und alle Übersetzungen, egal in welcher Sprache.

Ernst: Nicht doch! Wirklich nicht? In keinem gedruckten Buche vor dem 18. Jahrhundert? In keinem?

Falk: In keinem.

Ernst: Aber ich habe selbst doch mal…(überlegt).

Falk: So? – Bist du auch geblendet worden von dem Unsinn, mit dem man so um sich schmeißt?

Ernst: Aber es steht doch…

Falk: (unterbricht) In der Londinopolis? Nicht wahr? – Alles Unsinn!

Ernst: Und die Parlaments-Akte von Heinrich VI?

Falk: Unsinn!

Ernst: Und die großen Privilegia, die Karl XI, König von Schweden, der Loge von Gothenburg erteilte?

Falk: Unsinn!

Ernst: Und Locke?

Falk: Was für eine Locke?

Ernst: Der Philosoph – Sein Schreiben an den Grafen von Pembrock; seine Anmerkungen über ein Verhör, von Heinrich VI selbst geschrieben?

Falk: Das muss ja wohl ein ganz neuer Fund sein, denn den kenne ich nicht. Aber wieder Heinrich VI? – Unsinn! Und nichts als Unsinn!

Ernst: Das glaube ich nicht!

Falk: Kennst du eine Bezeichnung für „Wortverdrehungen“, für untergeschobene Urkunden?

Ernst: Und das hätten sie so lange vor den Augen der Welt unbemerkt machen können?

Falk: Warum nicht? Es gibt zu wenige kluge Brüder, die dies bemerken und dem widersprechen könnten. Schade, dass es hier keine Verjährung gibt. Es ist deutlich besser, wenn es so etwas in der Öffentlichkeit nicht geben würde. Denn gerade die verächtlichste Lüge kann eben dadurch, dass sich niemand die Mühe macht, sie zu entlarven, im Laufe der Zeit die Bedeutung einer sehr
ernsthaften, ehrlichen Sache gewinnen. Da heißt es dann nach über tausend Jahren: „Hätte man das damals so schreiben dürfen, wenn es nicht wahr gewesen wäre? Man hat diesen glaubwürdigen Männern damals nicht widersprochen und ihr wollt ihnen jetzt widersprechen?“

Ernst: Oh man, die Geschichte! Oh die Geschichte! Was bist du?

Falk: Andersons kahle Rhapsodie, in der die Historie der Baukunst für die Historie der Freimaurer untergeschoben wird, dass kann noch stimmen! Für dieses eine Mal und für die damalige Zeit mochte das gut sein. Und dennoch war die Lüge so greifbar. Aber dass man heutzutage noch immer auf diesem falschen Untergrund weitermacht, dass man immer noch gedruckt behaupten will, was man mündlich niemals als ehrlicher Mann sagen würde, dass man zu Fortsetzung einer Lüge, die man längst hätte fallen lassen sollen, sich einer Urkundenfälschung bedient, welche in einer bürgerlichen Gesellschaft zu enormen Strafen führt…

Ernst: Was ist denn nun, wenn es aber wahr wäre und hier mehr dahinter steckt als nur ein Wortspiel? Wenn es nun wahr wäre, dass das Geheimnis der Freimaurer sich vom Handwerk der Dombauhütten abgeleitet hätte?

Falk: Wenn es wahr wäre?

Ernst: Kann es denn nicht auch wahr sein? Denn wie kommen die Freimaurer denn sonst dazu, die Symbole dieses Handwerks zu verwenden? Eben genau dieses Handwerks? Und warum von keinem andern?

Falk: Diese Frage ist allerdings berechtigt.

Ernst: Ein solcher Umstand muss doch eine Ursache haben?

Falk: Stimmt, hat sie.

Ernst: Und hat sie? Und ist es eine andere Ursache, als die vermutete?

Falk: Eine ganz andere.

Ernst: Soll ich raten, oder darf ich fragen?

Falk: Wenn du mir schon längst eine andere Frage gestellt hättest, die ich lange schon erwartet habe, dann würde dir das Raten nicht schwer fallen.

Ernst: Eine andere Frage, die du längst hättest erwartet?

Falk: Denn, wenn ich Dir sagte, dass das was heutzutage die Freimaurerei ist, nicht immer Freimaurerei hieß, was liegt da näher als…

Ernst: (unterbricht) Als zu fragen, wie es früher hieß? Du hast Recht! Na dann frage ich dich nun.

Falk: Wie die Freimaurerei hieß, ehe man sie Freimaurerei genannt hat, fragst Du? – Masoney

Ernst: Na freilich! Masonry aus dem Englischen.

Falk: Nein, nicht auf Englisch Masonry, sondern Masony. – Nicht von Mason, der Maurer, sondern von Mase, der Tisch, die Tafel.

Ernst: Mase, der Tisch? In welcher Sprache?

Falk: In der Sprache der Angelsachsen, doch nicht nur alleine bei denen, sondern auch in der Sprache der Goten und Franken. Folglich ist es ein ursprünglich deutsches Wort, von dem es noch einige Ableitungen gibt, wie z.B.: Maskopie, Masleidig, Masgenosse. Selbst Masoney war zu Luthers Zeiten noch häufig im Gebrauch, nur dass es seine ursprünglich gute Bedeutung etwas verschlechtert hatte.

Ernst: Ich weiß weder von einer guten, noch von einer schlechten Bedeutung.

Falk: Aber du kennst nicht den früheren Brauch, wichtigste Dinge am Tische zu überlegen und zu besprechen? Mase also der Tisch, und Masoney eine geschlossene, vertraute Tischgesellschaft. Und wie aus einer geschlossenen, vertrauten Tischgesellschaft ein Saufgelage wurde, die eben auch noch das Wort Masoney benutzt, dass kannst du dir leicht vorstellen.

Ernst: Wäre es mit dem Namen Loge damals besser gewesen?

Falk: Früher, bevor die Masoneyen zum Teil so ausarteten und in der guten Meinung der Öffentlichkeit so herabsank, standen sie im großen Ansehen. Es gab damals keinen Königshof in Deutschland, weder klein noch groß, der nicht seine eigene Masoney hatte. Die alten Lieder- und Geschichtsbücher sind davon stumme Zeugen. Eigene Gebäude, die mit den Schlössern und Palästen der Herrscher verbunden oder benachbart waren, hatten ihre Bezeichnung von diesen Tafelgesellschaften. Heutzutage gibt es da viele unbegründete Auslegungen des Begriffes. Und was soll ich dir mehr sagen, als dass die „Gesellschaft der runden Tafel“ die erste und älteste Masoney war, von der sie alle abstammen?

Ernst: „Der runden Tafel“? Da kommen wir nun in eine fabelhafte Welt hinein.

Falk: Die Geschichte des Königs Arthur ist so fabelhaft wie man sie sehen will, die runde Tafel ist es aber nicht.

Ernst: Arthur soll doch der Gründer dieser Tafelrunde gewesen sein.

Falk: Nicht unbedingt! Auch nicht einmal der Geschichte nach. Arthur, oder auch sein Vater, hatten sie von den Angelsachsen übernommen, so wie es schon der Name Masoney vermuten lässt. Und es versteht sich mehr als von selbst, dass die Angelsachsen keine Sitte nach England brachten, die es nicht auch in ihrem Ursprungsland gibt? Man sieht doch selbst an den mehreren deutschen Völkern in der damaligen Zeit, dass diese den Hang hatten, neben der großen bürgerlichen Gesellschaft, kleinere vertraute Gesellschaften zu gründen.

Ernst: Was meinst du damit genau?

Falk: Alles was ich dir jetzt nur flüchtig und vielleicht nicht mit dem nötigen Detail sage, belege ich dir schwarz auf weiß, wenn ich daheim in der Stadt in meine Bücher schauen kann. Dann kann ich dir dies beweisen. Höre mir jetzt einfach nur zu um deine Neugierde zuerst einmal zu befriedigen.

Ernst: Warum hörst du dann auf? Mach weiter…

Falk: Die Masoney war also eine deutsche Sitte, welche die Sachsen nach England brachten. Die Wissenschaft ist sich uneinig darüber, wer die Mase-Mitglieder waren. Es waren allem Ansehen nach die Edlen der Masoney. Diese hinterließen so tiefe Spuren, so dass sie unter allen nachfolgenden Staatsveränderungen bestehen blieb, und sich von Zeit zu Zeit in der herrlichsten Blüte zeigte. Einen besonders guten Ruf hatten die Masoneyen der Tempelritter im zwölften und dreizehnten Jahrhundert. Und so eine Tempelritter Masoney war es auch, die sich bis zum Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, trotz der Aufhebung des Templer-Ordens, mitten in London erhalten hatte. Und hier fängt die Zeit an, von der es kaum Aufzeichnungen gibt. Was aber wiederum zu einer sorgfältig aufbewahrte Tradition führte, die sich auf diese inneren Werte bewahrt hat.

Ernst: Und was hindert diese Tradition daran, die eigentlich nötige schriftliche Darlegung zu verfassen?

Falk: Hindern? Eigentlich nichts! Man müsste das endlich tun. Wenigstens fühle ich mich, ich fühle mich berechtigt, ja geradezu verpflichtet, dir und allen anderen diese Fehler aufzuzeigen und daraus kein Geheimnis mehr zu machen.

Ernst: Na dann! – Ich bin gespannt.

Falk: Diese Tempelritter Masoney, die es seit Jahrhunderten in aller Stille in London gab, hatten ihr Versammlungshaus unfern der St. Pauls-Kirche, die damals neu gebaut wurde. Der Baumeister dieser zweiten Kirche der ganzen Welt war.

Ernst: Christoph Wren.

Falk: Und damit hast du den Schöpfer der ganzen heutigen Freimaurerei genannt.

Ernst: Er?

Falk: Nur kurz! Wren, der Baumeister der St. Pauls-Kirche, in deren Nähe sich eine uralte Masoney versammelte, war ein Mitglied dieser Masoney, welche er die dreißig Jahre über, die der Bau dauerte, umso öfter besuchte.

Ernst: Ich ahne schon, dass da noch was kommt.

Falk: Genau! Die wahre Bedeutung des Worts Masoney ging beim englischen Volk verloren. Eine Masoney, die in der Nähe eines so wichtigen Baues lag, in welchem der Meister dieses Baues auch noch so häufig war, was kann die anders sein, als eine Gesellschaft von Bausachverständigen, mit denen Wren die aktuellen Schwierigkeiten besprach?

Ernst: Das stimmt!

Falk: Die Fortsetzung einer solchen Kirche interessierte damals ganz London. Um Informationen aus der ersten Hand zu haben, bewarb sich jeder, der dachte er verstand etwas vom Bauen, um Zutritt zu der vermeintlichen Masonry. Dennoch bewarb er sich vergebens. Klasse, du kennst Christoph Wren, nicht bloß vom Namen nach, sondern du weißt auch was für ein intelligenter Kopf er war. Er hatte zudem den Plan eine Sozietät der Wissenschaften zu gründen, welche spekulative Wahrheiten gemeinnütziger und vor allem dem bürgerlichen Leben erschwinglicher machen sollte. Auf einmal kam ihm der Gedanke zu einer Gesellschaft, die das Gegenteil des bürgerlichen Lebens war. Dort, dachte er, würde untersucht, was unter dem Wahren, brauchbar und ebenso, was unter dem Brauchbaren, wahr wäre. Genauso als wenn ich einige Grundsätze der Masoney von außen betrachte. Und was ist, wenn all das, was der Außenstehende nicht verstehen würde, unter die Hieroglyphen und Symbole desjenigen Handwerks versteckt wäre, was man jetzt unter dem Worte Masony glaubt zu finden? Was wäre, wenn ich die Masony zu einer Free-Masonry erweiterte, an der mehrere Teile teilnehmen könnten? So dachte sich das damals Christoph Wren und schon entstand die Freimaurerei. – (erschrocken) Ernst! Was ist mit dir?

Ernst: Ich bin wie geblendet.

Falk: Geht Dir nun ein Licht auf?

Ernst: Eines? Mehrere auf einmal.

Falk: Verstehst du nun?

Ernst: Ich bitte dich mein Freund, für heute ist genug. Aber musst du nicht bald etwas in der Stadt erledigen?

Falk: Warum? Soll ich da hin?

Ernst: Aber ja! Nachdem du mir vorhin versprochen hast in die Bücher zu sehen.

Falk: Naja, dafür alleine lohnt es sich schon in die Stadt zu fahren. Um es kurz noch einmal zu betonen: Ich habe mich sicherlich bei manchem zu ungenau und unbefriedigend ausgedrückt, da es nur aus meiner Erinnerung heraus war. Aber mit Hilfe meiner Bücher sollst du es sehen und vor allem verstehen. Ernst, die Sonne geht langsam unter. Du musst ebenfalls zurück in die Stadt. Pass auf dich auf, gute Fahrt.

Ernst: Eine andere Sonne, ein anderes Licht ging mir dafür auf…bis bald.


Sechstes Gespräch
Vorwort: Dieses fiktive und sechste Gespräch stammt nicht aus den Federn von Gotthold Ephraim Lessing, sondern wurde von mir selbst erstellt nach dem Eindruck der ersten fünf Gespräche. Ich hoffe, es findet dennoch regen Anklang.
08.04.2014 René Schon

Falk: Hallo Ernst, schön dich wiederzusehen. Na, wie geht es dir denn inzwischen in deiner Freimaurer Loge? Bereust du den Schritt noch immer?

Ernst: Hallo Falk, es ist ebenso schön, dich zu sehen. Danke der Nachfrage. Es ist viel passiert inzwischen und ich gewinne wöchentlich neue Eindrücke und Gedanken.

Falk: So? Was ist denn alles passiert bei dir?

Ernst: Ich bin nun befördert worden und nun Geselle. Da es nun zu meinen Aufgaben gehört, umherzureisen und andere Logen zu besuchen, komme ich dem auf meinen Geschäftsreisen direkt nach. Es ist immer wieder spannend und aufregend, neue Logen kennenzulernen und neue Eindrücke zu gewinnen.

Falk: Neue Eindrücke?

Ernst: Ja…denn ich habe festgestellt, dass Freimaurerei nicht überall gleich ist und es auch unterschiedliche Ausrichtungen bei den Logen gibt. Es gibt einige Großlogen die unter der Vereinten Großloge von Deutschland zusammengefasst sind. Das wundert mich etwas.

Falk: In wie fern wundert dich das?

Ernst: Naja, wir Freimaurer haben ja die fünf Grundideale: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Diese wurden bereits 1723 in den alten Pflichten von James Anderson niedergeschrieben. Daher nahm ich immer an, dass diese Grundsätze für alle Freimaurer gelten und es daher eine einheitliche Freimaurerei gibt.

Falk: Ach Ernst, hast du das wirklich geglaubt? Alleine die fünf regulären Großlogen in Deutschland sind zwar in der Vereinten Großloge zusammengefasst, haben aber alle eine etwas andere Ausrichtung. Daher wird es auch nie „Die Freimaurerei“ geben.

Ernst: Naja, aber was macht denn dann diesen Unterschied aus, wenn alle Freimaurer sind und alle diese alten Pflichten kennen und nach ihnen arbeiten. Und was heißt denn „reguläre“ Großlogen? Gibt es denn auch noch andere?

Falk: Natürlich, alle dieser Logen arbeiten nach den sogenannten alten Pflichten. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität sollten ohnehin für alle Menschen gelten und ein schützenswertes Gut sein. Daher sind das generell keine Dinge, die auf Freimaurer beschränkt sind. Was deine Frage nach den „regulären“ Großlogen angeht, so lässt sich diese nicht wirklich leicht beantworten.

Ernst: In wie fern denn nicht? Versuch es doch bitte.

Falk: Nun, das kann ein ganz schön langer Vortrag werden, mein lieber Ernst, aber ich versuche mich kurz zu fassen: Nach der 8. Verordnung der Andersonschen Konstitution ist eine Loge regulär, wenn sie nach den Regeln des ihr erteilten Konstitutionspatents arbeitet. In der Geschichte der Freimaurerei bestand zwischen dem Großorient von Frankreich (GOdF) und der Vereinigten Großloge von England (UGLoE) ursprünglich eine gegenseitige Anerkennung. Erst als 1877 der Grand Orient de France aus Gründen der Gewissensfreiheit auf die Formel vom allmächtigen Baumeister aller Welten verzichtete, brach die Vereinigte Großloge von England 1913 einseitig die Kontakte ab und erkennt seither den Großorient von Frankreich und die von ihr anerkannten Großlogen und Logen nicht mehr als regulär an. Dieser hingegen betrachtet die Vereinigte Großloge von England und die von ihr anerkannten Großlogen und Logen weiterhin als regulär.

Ernst: Das verstehe ich nun nicht so ganz…Sind denn nicht alle Freimaurer gleich? Sind es nicht alles Brüder der Kette? Haben sie denn nicht die gleichen Ideale?

Falk: Nein, wie du siehst, sind nicht alle Freimaurer für den ein oder anderen gleich. Man darf auch nicht als Bruder einer regulären Loge eine irreguläre Loge besuchen. Dies kann zu einem Ausschluss aus der Großloge führen. Hier gibt es eine strikte Trennung, die von England her vorgegeben wird. In Frankreich ist man da schon etwas offener und sieht das nicht so eng. Hier werden besuchende Brüder gern empfangen.

Ernst: Verstehen muss ich das aber nicht. Denn schließlich sind alle doch Freimaurer.

Falk: Wenn du mich fragst ja. Es sind beides Freimaurer, da sie alle unsere gemeinsamen Grundsätze vereinen. Sie leben und setzen sich für die Ideale der Freimaurerei ein. Aber wie ich dir schon in einem früheren Gespräch sagte, muss man nicht unbedingt Freimaurer werden um nach diesen Zielen zu streben. Es hat sicherlich auch genügend Menschen auf der Welt, die nach diesen Regeln leben und sich für diese auch aktiv einsetzen. Aber eben keine Freimaurer sind. Man nennt diese Personen auch „Maurer ohne Schurz“.

Ernst: Falk, du sagst bewusst „Personen“, oder?

Falk: Das hast du gut erkannt. Denn auch wenn es einige konservative Richtungen nicht akzeptieren wollen, so gibt es doch auch viele Frauen, die sich für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität einsetzen. Zudem gibt es inzwischen auch Frauenlogen, auch wenn diese nicht offiziell als regulär angesehen werden. Jedoch werden sie meist „toleriert“.

Ernst: Ist das nicht etwas engstirnig gedacht? Wir haben das Jahr 2014 und die Frauenlogen werden nur toleriert? Sind sie denn nicht mit eingeschlossen in die Idee der Gleichheit?

Falk: Ernst, du beweist mir gerade, dass du wie ein wahrer Freimaurer denkst. Natürlich sind Frauen mit den Grundsätzen ebenso gemeint, wie wir Männer. Nur gelebt wird es noch leider nicht in allen Köpfen. Hier liegt noch ein langer Weg vor uns. Aber dennoch ist das nicht so außergewöhnlich und diskriminierend, wie mache Frauengruppen es denken.

Ernst: Ist es nicht? Wie denn das? Bitte erkläre es mir.

Falk: Bedenke kurz, wann die Freimaurerei begründet wurde. 1717 war es eher noch unüblich, dass die Frau eine andere Rolle in der Gesellschaft hatte, als Hausfrau und Mutter zu sein. Ein öffentliches Leben oder in einer Gemeinschaft wie der Freimaurerei entsprach nicht dem klassischen Rollenbild von damals. Zwar hat sich das Bild der Frau in der Gesellschaft im Laufe der Jahre deutlich verändert, aber ein Männerbund ist eben ein Männerbund. Daher gibt es ja inzwischen auch die Freimaurerinnen. Und nun müssen sie eben „nur noch“ regulär werden. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Ernst: Nun verstehe ich es. Ja, das ist ein Schritt, den die Freimaurerei noch gehen muss. Aber ich denke ein notwendiger, der auch hier dann zeigt, dass nicht nur von Gleichheit geredet wird, sondern sie auch gelebt wird.

Falk: Da stimme ich dir zu. Was hast du sonst auf deinen Reisen erleben dürfen?

Ernst: Oh, noch vieles mehr. Mich wundert, dass es in einigen Logen eher wirkt, als ob dort ein Stammtisch sitzen würde. Da wird über Toleranz und Gleichheit geredet, aber nach dem Abend ist das bereits wieder vergessen. Es hat den Eindruck, als endet die Toleranz vor dem Logenhaus.

Falk: Dies musste ich leider auch schon einige Male feststellen. Daher habe ich angefangen zu unterscheiden zwischen Freimaurern und Logenbrüdern. Ein Freimaurer ist der, der sich für diese Ideale nicht nur einsetzt, sondern auch bewusst nach ihnen lebt. Und das unabhängig, ob er in seiner Bauhütte ist oder nicht. Dieser Freimaurer arbeitet immer an sich und seinem Verhalten, was wir ja mit dem Sinnbild der „Arbeit am rauen Stein“ verdeutlichen. Im Unterschied dazu ist ein Logenbruder „nur“ ein ordentliches Mitglied einer Freimaurerloge, dessen Brüderlichkeit und
Toleranz nach den Treffen enden. Einer, der einmal pro Woche zu seinem Stammtisch geht und dann auch wieder aufhört an sich zu arbeiten.

Ernst: Ist das nicht traurig? Ich hoffe nicht, dass ich so werde. Das klingt etwas resigniert und ich hoffe, dass das Feuer in mir, welches meine Aufnahme entfacht hat, erhalten bleibt und weiter brennt für die Freimaurerei. Etwas anderes – Was ich auch faszinierend fand, waren die unterschiedlichen Rituale der einzelnen Großlogen. Aber nachvollziehen konnte ich sie teilweise auch nicht.

Falk: Auch nach Jahren geht mir das oft noch so. Es gibt Rituale in denen ich mich wiederfinde, die zu meiner Gedanken- und Gefühlswelt passen und die mich die nötige Ruhe finden lassen. Dann gibt es aber auch Rituale, welche ich befremdlich finde. Da wird mit Schwertern gefochten und sich nur auf das Wesentliche beschränkt. Leider kommt für mich dann nicht die nötige Stimmung auf. Ich will nicht sagen, dass diese Rituale schlecht sind, aber sie sind anders und so muss jeder ein Ritual finden, welches für sich persönlich passt.

Ernst: Kannst du mir denn erklären, für was es eigentlich Ritualarbeit gibt? Denn die brüderlichen Abende und die Vorträge finde ich persönlich sehr gut und das regt auch meine Gedanken an. Und in den Gesprächen kann man planen, für welche sozialen Projekte sich die Loge einsetzt.

Falk: Ach Ernst, um dir das zu beantworten, müssen wir sehr viel mehr Zeit haben, als jetzt gerade bei einem Kaffee, denn so einfach ist das Ganze nicht zu beantworten. Ich denke aber, dass es jeder anders für sich wahrnimmt. Die Ritualarbeit hilft dir zur Ruhe zu kommen, den Vortrag des Redners völlig in deine Gedanken aufzunehmen und zu verarbeiten. Unterstützt von der passenden musikalischen Untermalung und der Atmosphäre im Raum, lässt es dich den Alltag vergessen und kurz hinter dir zu lassen. Darin kannst du eben die nötige Kraft tanken, welche nötig ist, sich den Pflichten der profanen Welt zu stellen.

Ernst: Das stimmt allerdings. Kann ich nur bestätigen.

Falk: Nun möchte ich dich etwas fragen: Was hat sich denn für dich persönlich geändert, seit dem du Freimaurer geworden bist? Hast du eine Veränderung bewusst wahrgenommen?

Ernst: Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Leider wird einem das selbst nicht so wirklich bewusst. Das wird eher von außen herangetragen, denn die Umwelt nimmt es zuerst wahr. Ich habe aber gehört, dass ich selbst ruhiger geworden bin. Ich versuche mich nicht mehr unnötig in etwas hineinzusteigern oder mich über Dinge aufzuregen, die ich nicht mehr beeinflussen kann. Zudem bringe ich meinen Mitmenschen auch mehr Toleranz entgegen als früher schon. Ich versuche eben auch die Grundsätze zu leben und nicht nur davon zu sprechen.

Falk: Nun ja Ernst, genau das sollte eben das Ziel eines Freimaurers auch wirklich sein. Die Arbeit an sich selbst. Die Arbeit an dem rauen Stein, der man ja ist. Nicht umsonst sagt man, dass die Freimaurerei einen guten Menschen besser macht. Man muss nur bereit dazu sein. Aber bedenke immer: man muss nicht zwingend ein Freimaurer werden um nach ihren Grundsätzen zu leben.

Ernst: Naja, ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Und ich muss noch viel lernen. Denn man sagte mir, dass man damit wohl nie aufhören wird. Ein älterer Bruder sagte mir einmal, dass auch ein Meister immer noch ein Lehrling sei und, obgleich er bereits Meister ist, immer noch dazulernen kann. Ich nahm immer an, dass es dann mit der Meisterweihe endlich fertig sei, aber scheinbar lag ich hier falsch.

Falk: Das stimmt Ernst. Man muss immer den Geist offen halten für neues. Nur so lernt man dazu und arbeitet auch weiter an sich. Denn das ist doch eine der Aufgaben eines Freimaurers. Immer nach Weisheit streben. Und genau dazu brauchst du einen offenen Geist.

Ernst: Darf ich dich fragen, wo du bewusst im privaten Rahmen ein Freimaurer bist? Wo können es andere Personen sehen, die um dich herum sind?

Falk: Natürlich kannst du das fragen. Ich weiß nur nicht, wie gut ich dir diese Frage beantworten kann. Ich zeige mich nie offen als Freimaurer in der Öffentlichkeit. Natürlich stehe ich dazu, wenn ich aufgrund meiner Ringe oder sonstiger Symbole darauf angesprochen werde. Aber ich würde niemals einfach so hinausgehen und herausposaunen, ich sei Freimaurer. Aber gerade in Sachen Empathie brauchte mich eine eigene Entwicklung sehr viel weiter. Ich hör den Mitmenschen zu und versuche ihre Gefühle und Lage zu verstehen. Das heißt nun nicht sofort, dass ich auch der gleichen Meinung bin, oh nein, ich kann durchaus eine sehr konträre Meinung haben, aber es heißt, dass ich versuche, mein Gegenüber wahrzunehmen und zu verstehen. Oder denk an die vielen sozialen Projekte. Das prägt auch mich. Als ich neulich beim Essen war, kam eine ärmlich aussehende Frau auf mich zu und fragte, ob sie etwas zu essen haben könnte. Da kann ich wirklich nicht nein sagen und so fragte ich sie, auf was sie Appetit hätte und bestellte es ihr. Klar sind das Kleinigkeiten, aber wenn auch nur ein paar mehr Menschen so handeln würden, wäre der Umgang der Menschen untereinander nicht mehr so eisig wie bisher und sehr viel harmonischer.

Ernst: Ich stimme dir hier zu. Der Umgang der Menschen untereinander lässt noch viel Potential für Verbesserungen übrig. Leider wird immer öfters weggesehen, wenn es dem Mitmenschen schlecht geht. Da interessiert nur noch der eigene Vorteil.

Falk: Wie wahr, wie wahr…

Ernst: Ich hoffe, ich werde mich zu einem guten Menschen entwickeln. Ganz wie es gesagt wird…einen guten Menschen besser machen. Ich weiß, dass es ein anstrengender Weg ist, aber ich werde diesen gehen und ggf. auch auf deine Erfahrung zurückkommen.

Falk: Nun mein lieber Ernst, dass kannst du gerne machen. Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Meine Pause ist vorbei und ich muss wieder zurück an die Arbeit. Es hat mich sehr gefreut, dich getroffen und unser Gespräch über die Freimaurerei fortgeführt zu haben.

Ernst: Das geht mir auch so. Es ist immer wieder schön mit dir zu reden. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag…bis zum nächsten Mal.

Falk: Danke sehr, dass wünsche ich dir auch. Genieße noch etwas die Sonne.